Zum ersten Mal eine Therapiestunde.

Also gut, auf zur Einzeltherapie. Ich wusste ja noch nichtmal wo ich hin musste. Aber zu fragen, beispielsweise im Schwesternzimmer das traute ich mich nicht.

Schließlich setzten sie doch voraus dass ich das wusste oder nicht?

Vielleicht sollte ich einfach hier bleiben und warten bis mich jemand holen kam. Wenn dass allerdings falsch war, würden sie glauben ich sei unzuverlässig, würde nicht gesund werden wollen und vielleicht würden sie mich wegschicken. Vielleicht sollte ich aber auch zum Sekretariat gehen und dort warten. Wenn Frau Raumann mich dann aber auf meinem Zimmer suchte, dann würde sie vielleicht denken ich wäre weggegangen und wiederum auch denken ich sei unzuverlässig und hätte keine Lust.

Ich überlegte hin und her und ich war den Tränen nahe. Am liebsten wäre ich einfach weggerannt. Irgendwohin, wo ich alleine war und dort würde ich solange bleiben, bis ich einfach einschlief und nicht mehr aufwachte.

Aber dann würde ich die Menschen enttäuschen die die letzten Wochen und Monate für mich gekämpft hatten.

Egal was ich tat, ich konnte es nur falsch machen.

Nervös und zitternd ging ich zum Sekretariat.

Wenn ich mich da hin setzte würde mich schon jemand finden und mir helfen hoffte ich.

Ich zitterte. Meine Hände schwitzten. Ich war nervös. Was würde gleich passieren? Ich hatte noch nie eine Therapie gemacht. Horrorvisionen gingen durch meinen Kopf.

Noch während ich in meine Gedanken versunken war schaute Frau Raumann ums Eck.

„Ah hier sind Sie Frau Föll. Na dann wollen wir mal.“ Sie reichte mir die Hand nachdem ich aufgestanden war und dann folgte ich ihr. „Es ist der längste Weg.“

 

Dieser Satz drehte mir den Magen um. Natürlich verstand ich, dass sie den Weg zu ihrem Zimmer meinte. Und heute weiß ich auch, dass sie einfach nur nett sein wollte und mir mit diesem Satz keine anderen Sachen sagen wollte, außer dass sie das Zimmer am Ende des Gangs hatte.

Doch in diesem Moment glaubte ich sie wollte mir damit noch tausend andere Dinge Sagen. Zum Beispiel, bezog ich dass auf meine Therapie. Würde meine Therapie die längste werden die sie bisher erlebt hatte? War ich doch schon hoffnungslos verloren? War mir doch nicht mehr zu helfen?

Das waren meine einen Gedanken und dann tat sich noch etwas anderes auf. Einerseits mochte ich diese Frau. Sie wollte mir helfen und sie war nett. Aber irgendwie machte sie auf mich einen schüchternen Eindruck. Und die sollte mir helfen können? Wenn man meine Freunde fragte, war ich alles andere als schüchtern. Und wenn man meine Freunde fragte war ich unglaublich selbstbewusst. Diese Psychologin wirkte auf mich schüchtern und wenig selbstbewusst.

Später würde ich lernen, dass es genau umgekehrt war.

Ich war diejenige der es an Selbstvertrauen und Selbstbewusstsein mangelte und Frau Raumann war es, die Selbstvertrauen besaß, die wusste wo ihre Stärken und Schwächen lagen. Zumindest machte es den Eindruck, schließlich war ich diejenige die einen Seelenstriptease hinlegen würde, nicht sie.

Vermutlich ist sie nicht die extrovertierteste Person die ich je kennen gelernt habe, aber sie ist diejenige der ich dieser ganzen Klinik am meisten vertraut habe, die mir immer das Gefühl gegeben hat, dass alles in Ordnung ist so wie es ist, auch wenn ich wie später noch zu lesen sein wird, nicht grade eine einfache Patientin war.

Meine Paradedisziplin war es, „mir selbst den Fuß zu stellen und auch noch darüber zu fallen.“

Aber trotzdem hatte ich in diesem Raum den ich jetzt betrat immer das Gefühl das ich in Ordnung war. Dass meine Krankheit eine Krankheit war, wie ein Beinbruch eine Verletzung war.

Dass es nichts verwerfliches war, an einer Depression zu erkranken und dass ich mich dafür nicht verurteilen musste.

 

Doch am Anfang glaubte ich wirklich selbstbewusster zu sein als meine Therapeutin und vor allem ertappte ich mich vor allem in der ersten Sitzung immer wieder bei dem Gedanken „und Du sollst mir helfen? Ich kann Deinen Job vermutlich besser als Du selbst.“ Seit der Klinik weiß ich auch was mein Deutschlehrer in der 10. Klasse meinte als er zu mir sagte ich wirke arrogant, doch er vermute dass es nur so rüber kam weil ich versuchte selbstbewusst zu sein und innerlich doch total an mir zweifelte.

 

Zurück zur Situation, Frau Raumann lies mich als erste in ihr Zimmer eintreten. Man kann sich das wie folgt vorstellen.

Der Raum ist länglich. Wenn man rein kommt steht rechts ein Regal, wo bei Frau Raumann einige Bücher stehen und ein paar Karten, wie ich vermute Abschiedsgeschenke von Patienten. Dann kommt die Wand.

Nach dem Regal folgt ein Tisch mit zwei Stühlen. Hier werde ich ihn im Laufe meiner Therapie hinlegen, meinen Seelenstriptease.

Darauf folgt das Fenster. Gegenüber vom „Therapieplatz“ steht Frau Raumanns Schreibtisch.

 

Die Tatsache dass ich als erste eingetreten war, warf das Problem auf, wo ich sitzen sollte. Wo saßen denn die Patienten normal?

Was war wenn ich mich jetzt falsch hinsetzte? War sie dann böse auf mich? Würde sie etwas sagen?

Instinktiv wählte ich den Platz an dem ich mit dem Gesicht zur Türe sitzen konnte und mit dem Rücken zum Fenster saß.

Wie ich später erfahren würde, war es der Platz auf dem in den meisten Therapiesitzungen die Therapeuten saßen. Doch anders bei mir. Ich brauchte den Blick zur Türe, ich musste das Gefühl haben gehen zu können, wenn ich wollte.

 

Zuerst ging es darum wie ich angekommen war.

Dann sprachen wir über Therapieziele. Ja, darüber was ich erreichen wollte. Ich sagte nicht viel, außer dass ich wieder normal sein wollte. Wieder Freude am Leben haben und wollte und vor allem dass ich wieder schlafen können wollte.

In meinen Gedanken formulierten sich noch viel mehr Wünsche, aber ich konnte sie nicht aussprechen. Was war wenn sie mich auslachte? Sagte dass ich mich nicht so anstellen sollte, dass das doch ganz alltägliche Sachen waren. Und außerdem musste ich doch rüberkommen als ob ich keine Probleme hätte. Musste doch stark sein, durfte doch keine Schwierigkeiten machen. Sonst würde man mich vielleicht nicht mehr lieb haben oder mich wegschicken. Absurd, nicht? Ich war hier weil ich mit meinen Problemen nicht mehr klar kam, aber ich versuchte die Starke zu spielen.

Eigentlich wollte ich wieder lernen zu lachen, also richtig zu lachen, auch mit den Augen. Ich wollte wieder Spaß an den Sachen haben die ich liebte, am Fußball, am Weggehen, daran, dass die Sonne schien. Und ich wollte nicht mehr ständig niedergeschlagen, voller Selbstzweifel und Suizidgedanken sein.

 

Doch sagen konnte ich das alles nicht. Aber Frau Raumann akzeptierte die wenigen Sachen die ich sagte vorerst.

Dann machten wir uns daran zu entscheiden, welche Therapien ich wählen würde.

Ich durfte wählen zwischen Tanz- und Gestaltungstherapie. Das war eine ziemlich schwere Wahl, denn ich konnte weder tanzen noch malen, also wählte ich das für mich kleinere Übel, die Tanztherapie.

Später würde ich feststellen, dass ich instinktiv die richtige Entscheidung getroffen hatte. Denn die Tanztherapie brachte mir nach anfänglich großen Schwierigkeiten unglaublich viel.

Aber dazu später mehr.

5.9.12 23:00

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