Der Chefarzt und eine weitere Einzeltherapie.

Also begab ich mich kurz vor zwei mit einem extrem mulmigen Gefühl in mein Zimmer. Der Chefarzt kam durch die Zimmer, so hatten es mir meine Mitpatienten erklärt.

 

Um 14 Uhr war ich zur Visite eingetragen und dementsprechend nervös war ich, als um 14:15 Uhr noch immer niemand gekommen war.

 

Hatte man mich vergessen? War ich nicht wichtig? Musste ich mich irgendwo melden? Hatten meine Mitpatienten vielleicht veräppelt und ich musste zum Chefarzt ins Büro kommen?

 

Ich überlegte zum Schwesternzimmer zu gehen, doch ich traute mich nicht, war ich dann aufdringlich? Vielleicht war dem Chefarzt einfach was dazwischen gekommen.

 

Aufdrängen wollte ich mich sicherlich nicht.

 

 

So gegen 14. 25 Uhr kam der Chefarzt dann in Begleitung der Lernschwester und der Stationsleiterin.

 

Ich wusste sofort was meine Mitpatienten gemeint hatten, dieser Mann, Dr. Rischer, er hatte so eine Ausstrahlung, ich kann das bis heute nicht erklären, aber ich konnte mich nie wirklich auf ihn einlassen. Vielleicht lag es daran, dass ich wusste, dass er hier der Chef war.

 

Die Visite war relativ kurz, er fragte mich ob ich gut angekommen war, ob ich Fragen an ihn hatte und wie es mir ging.

 

Ich antwortete ihm, dass ich relativ gut angekommen war, dass es mir nicht sonderlich gut ging, aber dass es erträglich war und dass ich keine Fragen an ihn hatte.

 

Dann fragte er mich noch, ob es einen Grund gab, dass ich als Erste dran kommen wollte, ob ich noch Termine hatte, die Frage beantwortete allerdings die Lernschwester Gott sei Dank für mich. Schließlich war sie auch diejenige gewesen, die mich nach ganz oben geschrieben hatte.

 

Viel Zeit, über die Chefarztvisite nachzugrübeln hatte ich auch nicht, da ich um 15 Uhr ein Einzelgespräch mit meiner Therapeutin hatte.

 

Ich musste bis zur Therapiestunde auch noch diesen Fragebogen ausfüllen, zumindest glaubte ich, dass Fr. Raumann das erwartete, schließlich musste sie mir diesen schon hinterher tragen.

 

 

Doch diesen Fragebogen unter dem Zeitdruck zu beantworten war gar nicht so einfach, ich schaffte es trotzdem.

 

Drei Minuten vor 15 Uhr ging ich dann rüber zu den Therapeutenzimmern.

 

Ich setzte mich wieder auf die Stühle vor dem Chefarztsekretariat. Hatte gestern schließlich auch schon zweimal geklappt.

 

Dort holte mich Frau Raumann auch kurz nach 15 Uhr ab.

 

„Hallo Frau Föll.“ Sie streckte mir die Hand hin.

 

„Hallo.“ Zittrig gab ich sie ihr. Ich war nervös, ich wusste nicht, wie ich Fr. Raumann einschätzen sollte, einerseits fand ich sie sehr nett. Andererseits blieb da mein überhebliches Gefühl, dass sie relativ wenig von ihrer Arbeit verstand.

 

 

„Dann kommen Sie mal. Sie dürfen aber ruhig auch hinten auf den Stühlen warten.“ Fr. Raumann zeigte mir mit ihrer Geste dass wir uns nun wieder auf den Weg zu ihrem Zimmer machen würden.

 

Ich machte mir über diese Aussage schon wieder riesige Gedanken, ich hatte schon wieder was falsch gemacht, was mussten die Therapeuten denn nun von mir denken?

 

 

Als wir in ihrem Zimmer angekommen waren setzten wir uns wieder an den kleinen Tisch.

 

Sie sah mich an, „Wie geht es Ihnen heute Frau Föll?“

 

„Eher nicht so gut.“ Was sollte ich ihr denn auch sagen, im Prinzip ging es mir beschissen, aber wenn ich das sagte, dann würde sie bestimmt denken, dass ich keine Lust auf diese Therapie hatte.

 

„In Ordnung. Sie haben den Fragebogen dabei? Super.“ Fr. Raumann nahm diesen Fragebogen zu ihren Unterlagen. Dann sah sie mich an, ich konnte ihren Blick leider nicht erwidern, ich schaute überall hin, aber immer wieder nur kurz zu ihr.

 

„Wir haben ja gestern schon über ihre Therapieziele gesprochen, für die von Ihnen gewünschten Therapien hab ich Sie auch eingetragen, ich denke die erforderlichen Vorgespräche dafür haben Sie dann diese oder nächste Woche, je nachdem wie es rein passt. Sie haben ja schon geäußert, dass es in Ihrer Familie nicht so einfach für Sie war, erzählen Sie doch mal von Ihrer Familie und warum Sie das so empfinden.“

 

Okay, sie eröffnete das Gespräch, das war für mich schon mal sehr hilfreich.

 

„Ja, also ich bin die Jüngste von vier Mädchen. Und ja, meine älteste Schwester Natalie, also meine Halbschwester hatte in jungen Jahren Bulimie. Sie war halt eben so das erste Problemkind, also Problemkind in Anführungszeichen meiner Eltern. Sie ist die Tochter meiner Mutter aus erster Ehe. Und ja, dann kommt meine zweitälteste Schwester Josephine, sie ist geistig leicht behindert. Also im täglichen Umgang merkt man es ihr nicht an, sie kann eben nur halt nicht lernen, also sie kann keine Ausbildung machen, weil sie das schulisch nicht schafft und sie kann ziemlich schlecht mit Geld umgehen und ja, alleine wohnen tut sie auch noch nicht, nach unserem Umzug hat sie lange bei meiner Oma gelebt und jetzt wohnt sie bei meiner Tante, weil sie einen neuen Job gefunden hat, hier in der Gegend. Und ja, wir wollen ihr jetzt nach einer Wohnung suchen, aber ja, es ist halt schon schwierig, weil sie es halt auch mit der Ordnung nicht so hat, sie sieht eben beispielsweise nicht, wenn Flaschen auf dem Boden liegen oder so. Deswegen müssen wir auch regelmäßig nach ihr schauen, wenn sie dann mal eine Wohnung hat. Und dann kommt da noch meine andere Schwester, Katja. Sie macht eigentlich Stress seit ich richtig denken kann. Also meine extremste Erinnerung ist, dass ich sie mit 13 Jahren, ich war damals 8 Jahre alt mit einer Alkoholvergiftung bei uns im Treppenhaus gefunden hab. Und so ging das dann weiter, sie war lange Zeit eigentlich nur am Scheiße bauen, sie hat mal mit 15 mit einer Freundin ein Auto geklaut, sie war ständig betrunken und in der Schule, war sie nur am Rebellieren, meine Eltern waren in einem Jahr vermutlich öfter bei ihrem Direktor, als bei mir in sechs Jahren auf dem Elternsprechtag. Und mit 16 wurde sie schwanger, hat mit 17 ein Kind bekommen. Die Kleine lebt seither bei uns und meine Eltern beziehungsweise meine Mutter kümmern sich um sie. Weil meine Schwester erst ihre Ausbildung gemacht hat und jetzt geht sie den ganzen Tag arbeiten. Ja und dann komm ich, gut in der Schule, ehrgeizig beim Sport und auch sonst eigentlich relativ pflegeleicht. Ich meine, bei den Problemen die meine Eltern schon bewältigen mussten, da konnte ich nicht auch noch Stress machen. Und als meine Geschwister einigermaßen erwachsen waren, kam meine Nichte und naja, so ein kleines Kind braucht eben mehr Aufmerksamkeit als ein Teenager der relativ gut auf eigenen Beinen steht.“ Als ich fertig war mit erzählen war ich einerseits erleichtert, es tat gut sich mal alles von der Seele zu quatschen, was mich schon lange beschäftigte, auch wenn mir das nicht wirklich bewusst gewesen war. Andererseits, was sollte die Therapeutin denn nun von meinen Eltern denken? Sie liebten mich schließlich und ich glaube sie wollten auch für mich nur das Beste, aber sie waren auch nur Menschen, sie konnten eben nicht für jedes ihrer Kinder gleich viel Zeit aufbringen und naja, ich war eben am problemlosesten, da war doch klar, dass ich zurück stecken musste. Ich kam ja mit meinem Leben und meinen Aufgaben gut klar, meine Geschwister und auch meine Nichte brauchten da doch mehr Zeit, schließlich waren sie schwieriger und klar meine Nichte war ein kleines Kind, das brauchte sowieso mehr Zeit.

 

 

Zwischen mir und Fr. Raumann trat ein Schweigen ein, dass für mich ziemlich schwierig war, das gab es öfters, wenn sie mir Fragen stellte und ich sie beantwortete und irgendwann das Gefühl hatte ich war fertig schwieg sie mich an. Ich wusste gar nicht, was sie dann von mir erwartete? Ich hatte doch ihre Frage beantwortet. Was wollte sie denn jetzt? Ich wurde nervös und begann zu schwitzen und zu zittern.

 

 

„Das klingt als ob sie es in ihrer Familie nicht leicht hätten gesehen zu werden. Und wie ist das, wenn es in der Familie Streit gibt? Geht das eher lauter zu, oder ruhig oder wie ist das?“ Fr. Raumann sah mich fragend an. Vermutlich war das hier erst mal so eine Art Bestandsaufnahme.

 

 

18.9.12 19:31

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