Ned gschompfe isch glob gnug...

„Naja, also mit meiner Mutter zu streiten ist ziemlich schwierig, da sie wenn sie sauer irgendeinen verletzenden Satz sagt und dann einfach nicht mehr mit einem redet. Und mit meinem Vater ist streiten sehr anstrengend, weil er eigentlich alles ausdiskutiert. Aber wenn so ein Streit eskaliert, kann es ziemlich laut und unangenehm werden.“ Ich war unsicher, was sollte ich denn nun erzählen? So oft stritt ich nicht mit meinen Eltern, aber ich hatte viele lauter und harte Streitszenen meiner Eltern mit meiner jüngsten älteren Schwester im Kopf. „Gibt es bei solchen lauten Auseinandersetzungen denn manchmal auch Gewalt?“ Ich versuchte dem Blick meiner Therapeutin zu entkommen, was sollte ich jetzt sagen, wenn ich ihr jetzt die Wahrheit sagte, wie würden denn dann meine Eltern hier da stehen? Andererseits, ich wollte aus diesem Teufelskreis rauskommen, ich wollte gesund werden, dann musste ich auch offen sein. „Ja, es ist schon das ein oder andere Mal vorgekommen dass mein Vater oder meine Mutter uns im Streit eine Ohrfeige gegeben haben. Aber wenn dann eigentlich immer berechtigt.“ „Wie wenn dann immer berechtigt? Was haben sie denn angestellt, dass sie es verdient haben?“ Fr. Raumann sah mich wieder eindringlich an. Was sollte ich ihr denn nun antworten? Keine Ahnung, es gab bei uns viele kleine Situationen die meistens dann im großen Theater endeten. Aber genaue Gründe wusste ich jetzt nicht. Aber ich war der Überzeugung dass wir wenn nur berechtigte Ohrfeigen gekriegt hatten. Ich selbst hatte sowieso nicht so oft eine gekriegt, ich erinnerte mich nur noch an ein Mal, aber warum, daran konnte ich mich nicht mehr wirklich erinnern. Aber wenn ich richtig nachdachte war ich auch nicht daran interessiert mit meinen Eltern so zu streiten, dass es zu einer Ohrfeige kommen würde. Meistens lenkte ich vorher ein. Meine Schwester Katja, die hat öfters mal eine gefangen. Das letzte Mal als sie so ca. 19 Jahre alt war. Aber was sollte ich denn nun meiner Therapeutin antworten, ich wusste ja auch nicht wirklich warum wir in den einzelnen Situationen manchmal eine gefangen haben aber es musste berechtigt gewesen sein, glaubte ich. „Hm, ich weiß auch nicht mehr. Ich selbst hab mich ja eigentlich auch kaum mit meinen Eltern gestritten.“ Ich hoffte dass ich mit dieser Antwort durchkommen würde. „Das glaube ich jetzt aber eigentlich nicht wirklich. Welche Teenager streitet denn bitte nicht mit seinen Eltern?“ Ich konnte Fr. Raumann nicht ansehen, sie hatte ja Recht, aber ich konnte ihr im Moment einfach nichts darüber erzählen, ich hatte schon genug Schlechtes über meine Eltern erzählt. „Stimmt. Aber ich weiß es im Moment wirklich nicht so richtig. Aber ich bin davon überzeugt, dass wir nie zu Unrecht eine Ohrfeige gekriegt haben.“ „Sie sind ganz schön hart zu sich selbst, wenn Sie glauben, dass Sie es verdient haben geschlagen zu werden.“ Fr. Raumann sah mich immer wieder an, dann machte sie sich wieder Notizen. Mich würde ja bis heute interessieren, was sie sich nicht so alles aufgeschrieben hat während unseren Therapiesitzungen, aber das werde ich wohl nie erfahren. „Ja, kann sein.“ Was sollte ich denn auch sonst sagen? Ich musste hart zu mir sein, oder was glaubte sie wie ich sonst meinen Alltag schaffte? Ich arbeitete seit ich 16 war neben der Schule und verdiente immer gut Geld und hatte gute Noten, dass ging nur, wenn man sich selbst nicht allzu viele Fehler und Schwächen zugestand. Wieder folgte eine dieser von mir gehassten Schweigephasen. „Okay und wie war es mit Lob in Ihrer Familie? Gab es denn das?“ „Hm naja, eigentlich geht es bei uns zuhause meist nach dem Motto ‚Ned gschompfe isch globt gnug.“ Ja, so war das. Meistens war es selbstverständlich wenn ich etwas gut machte oder wenn ich gute Noten schrieb oder im Haushalt half. Meistens wussten meine Eltern trotz allem noch Verbesserungsvorschläge, egal wie gut ich war. Das war eine alte schwäbische Redensart. Fr. Raumann sah mich fragend an. „Bitte?“ Ich musste grinsen. Okay, es verstand eben nicht jeder dieses extreme Schwäbisch, aber wie sagte man denn dass nun auf Hochdeutsch? Vor allem was musste sie jetzt von mir denken? Warum konnte ich mich nicht einfach normal unterhalten? „Also nicht gemeckert ist gelobt genug. So kann man es eigentlich sagen.“ „Ah okay. Auch nicht so einfach oder?“ „Naja, irgendwie nicht, aber es ist einfach so.“ Klar wollte ich gerne mal Lob hören, gesagt kriegen dass ich was gut gemacht hatte, aber ich hatte meine Eltern wie ich vermutete schon schlecht genug dargestellt und außerdem, wer gab schon gerne zu, dass er auch mal gelobt werden wollte? Vielleicht würde meine Therapeutin ja dann falsch über mich denken. Wieder trat eine längere Pause des Schweigens ein, ich wurde in solchen Situationen immer ziemlich unruhig, was erwartete sie denn jetzt von mir? Sollte ich ihr etwas erzählen? Wenn ja was? Ich war wahrscheinlich die anstrengendste Patientin die sie je behandelt hatte. Aber ich konnte ihr einfach nicht so viel erzählen, vielleicht würde sie ja dann glauben ich war schwach oder ich würde das hier nicht schaffen. Oder sie würde glaube ich hätte total schlimme Eltern, was definitiv nicht der Fall war, ich liebte meine Eltern und ich war mir sicher, dass sie nur mein bestes wollten, sie hatten es eben auch nicht so leicht. Und außerdem machte ich mich angreifbar und verletzlich und viele Menschen hatten diese Situationen ausgenutzt, warum sollte ausgerechnet meine Therapeutin da anders sein? Grade sie, von der ich sowieso die Meinung hatte, dass sie mir nicht helfen konnte. Kurz darauf war die Therapiesitzung dann beendet. Fr. Raumann erklärte mir noch, dass ich sie bis nach dem Wochenende nicht mehr sehen würde, da man in der Woche zweimal Einzeltherapie mit der Bezugstherapeutin hatte. Sie sagte mir aber auch, dass ich mich jederzeit melden sollte wenn es mir nicht gut ging und dass sie dann Zeit für mich finden würde. Ansonsten wünschte sie mir eine angenehme Restwoche und reichte mir dann die Hand. 45 Minuten Therapiesitzung hatte ich hinter mir und ich fühlte mich keinen Deut besser. Im Gegenteil, ich fühlte mich noch schlechter, ich machte ihr die Arbeit bestimmt unglaublich schwer, was sollte Fr. Raumann denn von mir denken? Sie musste mir alle aus der Nase ziehen, sie kam nicht richtig an mich heran. Erwartete man denn hier nicht von mir, dass ich mitarbeitete? Dass ich erzählte, sonst konnten sie mir schließlich nicht helfen. Nach der Therapiesitzung machte ich mir erstmal einen Kaffee. Ich war müde und kaputt, gleich hatte ich Entspannungstherapie, keine Ahnung was das war und keine Ahnung wie ich das durchstehen sollte. Ich wollte mich doch eigentlich nur noch ins Bett verkriechen und schlafen.

24.9.12 15:34

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