Die erste Gruppentherapie, die erste Symptombegleitung - und ja man kann hier auch lächeln

Dr. Maier- Lenz begrüßte alle Patienten und dann erklärte er Manuela und mir, weil wir neu waren, dass zum Beginn der Gruppe immer zuerst eine Befindlichkeitsrunde stattfand, bei der jeder sagen sollte wie es ihm ging. Nachdem wir diese Runde durchgemacht hatten lenkte Dr. Karschner das Thema auf die letzte Gruppenstunde, wodurch ich eigentlich erstmal nicht mitreden konnte, was mir aber gar nicht so Unrecht war, da ich mich sowieso erstmal einfinden wollte. Irgendwann ging es dann darum, wie es war wenn man Kritik jemandem gegenüber äußern wollte oder wenn man jemandem sagen wollte, dass man von seinen Problemen überlastet war. Da konnte ich mich durchaus irgendwie beteiligen, denn diese Situationen kannte ich zu genüge, denn ich war zu diesem Zeitpunkt ein Mensch, der immer für alle da war, sich die Probleme aller Menschen anhörte und ihnen half, egal wie es mir ging. Und wenn es mir noch so schlecht ging, ich stellte prinzipiell meine Probleme hinten an und war für alle anderen da. Wir diskutierten in der Gruppe viel über dieses Thema und jeder konnte über seine Gefühle erzählen und seine Meinung äußern, das fand ich schön.

Was für mich weniger schön war, war das eine Mitpatientin immer lachte wenn sie erzählte wie sie sich fühlte oder wenn sie von sich erzählte, da ich ihre Probleme sehr nachvollziehen konnte weil sie irgendwie ein bisschen wie meine waren und wenn sie erzählte lachte sie darüber obwohl mir manchmal zum Weinen war, das machte mir schwer zu schaffen. Aber ich konnte ihr das nicht sagen, zu viel Angst hatte ich davor sie zu verletzen. Denn das war ja letztlich ihre Methode mit ihren Gefühlen umzugehen und die konnte ich ihr ja schlecht verbieten, das Recht hatte ich ja nun wirklich nicht.

Deswegen war ich froh, als die Gruppentherapie nach einer Stunde vorbei war, meine erste Gruppentherapiestunde war sehr anstrengend gewesen. Klar, sie hatte mir auch irgendwie geholfen, es tat gut, zu hören dass es anderen Menschen auch so ging wie mir und dass ich vielleicht doch nicht so isoliert war wie ich mich fühlte, aber grade das mit der einen Mitpatientin Annika war ihr Name, machte es für mich irgendwie schwierig und wenn ich ehrlich war freute ich mich nicht wirklich auf Freitag, wenn wieder Gruppe war.

Nach der Gruppe ging ich erstmal mit Elke und Hakan eine rauchen und nun verstand ich sie, denn irgendwie hatte vor allem auch Elke ein Problem mit Annika. Auch Elke machte Annikas Art zu schaffen. Aber ich hatte keine Zeit mehr mich noch groß mit Elke zu unterhalten, denn ich musste los, ich hatte nun zum ersten Mal Symptombegleitung oder auch Bezugspflege.

Als ich nach oben ging wurde ich wieder nervöser. Ich kannte diese Frau Ebling, meine Bezugspflege nicht. Ich hatte sie noch nicht einmal gesehen. Und wo fand diese Symptombegleitung überhaupt statt? Holte sie mich im Zimmer ab oder musste ich zum Stationszimmer oder wieder da wo die Therapeuten ihre Zimmer hatten? Wieder dieses Theater, warum konnte sowas nicht auf dem Plan stehen? Warum hatte mir das niemand gesagt? Aber fragen traute ich mich nicht, schließlich musste ich das doch wissen oder? Ich entschied mich nach langem Hin und Her überlegen dazu, mich so auf den Flur zu stellen, dass ich sehen würde, wenn jemand aus dem Stationszimmer kam und dass ich sehen würde, wenn jemand in den Therapeutenflur ging, so konnte ich die Frau Ebling nicht übersehen, wie ich hoffte. Und tatsächlich mein Plan ging auf. Als Frau Ebling aus dem Stationszimmer kam sah sie mich und sprach mich an.

„Frau Föll?“ Sie lächelte mich lieb an.

„Ja. Hallo.“ Ich lief zu ihr und reichte ihr die Hand. „Ich wusste nicht wo die Symptombegleitung stattfindet und da dachte ich, ich stell mich einfach mal in die Mitte.“ Schüchtern sah ich sie an.

„Hat ja geklappt, wir haben uns ja gefunden.“ Wieder lächelte Frau Ebling lieb. Im ersten Moment war mir diese Frau sehr sympathisch. Sie zeigte wenigstens mal ein paar Gesichtsregungen, im Gegensatz zu Fr. Raumann. Vielleicht konnte ich ja wenigstens die Bezugspflege nutzen. Denn im Moment war ich mir ja noch ziemlich unsicher ob die Einzeltherapie was bringen würde.

Wir gingen in einen der zwei Räume die kurz vor der Gemeinschaftsküche der Patienten waren. Hierfür waren also diese Zimmer, jetzt wusste ich das auch. Frau Ebling lies mich vorgehen und ich wählte automatisch wieder den Platz an dem ich die Türe sah. Die beiden Räume in dem die meisten Symptombegleitungen stattfanden sahen ziemlich gleich aus. Es waren kleine ziemlich quadratische Räume, mit einer Fensterfront. Gegenüber der Fensterfront standen ein kleiner Tisch und zwei Stühle und es stand ein Regal drin. Sonst war in diesem Raum eigentlich nichts, aber mehr brauchte es ja eigentlich auch nicht.

 

Die Symptombegleitung begann ziemlich entspannt. Zuerst erklärte mir Frau Ebling mal was das eigentlich war, worum es in der Symptombegleitung ging und wie das so ablief.

Sie erklärte mir, dass die Bezugspflege eigentlich so eine Art Einzeltherapie war, nur eben mit einer Pflegekraft. Sie wollte versuchen sich mit Fr. Raumann abzustimmen, manchmal würden wir die gleiche Sachen besprechen, manchmal aber auch komplett andere, letztendlich war ich diejenige, die bestimmte, welche Themen in der Bezugspflege dran kamen. Dann wollte sie erstmal mehr von mir wissen. Ich sollte erzählen, was ich über mich erzählen wollte.

 

Und ich begann wieder zu erzählen, von meinen Geschwistern, meinen Eltern, meiner Nichte und von meinem Leben, dass ich irgendwie immer versuchte es allen Recht zu machen nur mir nicht. Dass ich versuchte für alle da zu sein, nur nicht für mich selbst. Dass ich mir manchmal mehr Platz für mich in meiner Familie wünschte. Ich erzählte ihr wie das alles angefangen hatte, als mir bewusst wurde, wie schlecht es mir ging. Dass ich nach diesem Abend im November nicht mehr in der Lage dazu gewesen war, meine Gefühle zurück zu drängen, dass ich immer tiefer in dieses Loch gerutscht war, ich das Gefühl hatte alles war sinnlos, dass ich mich nur noch für alle als Belastung fühlte. Ich war selbst ganz schön erschrocken, wie nüchtern ich mittlerweile darüber sprechen konnte. Aber ich wollte kämpfen, gerade jetzt wo ich das Gefühl hatte, dass es jemanden gab, von dem therapeutischen Team, den ich ganz gut leiden konnte.

 

Frau Ebling hatte mir aufmerksam zugehört, wenn ich versucht hatte stark rüberzukommen und ein wenig sarkastisch war, hatte sie gelächelt, sie hatte mitfühlend geschaut und trotzdem immer wieder auch gegrinst, was ich sagen will, sie zeigte Gefühlsregungen, dass machte sie mir erstmal sympathisch. Und ich hatte das Gefühl sie verstand meinen Sarkasmus und meine Ironie mit der ich manchmal sprach.

Nachdem ich erzählt hatte war die Zeit für die Bezugspflege schon fast um, diese Sitzungen gingen ebenfalls 45 Minuten. Frau Ebling war allerdings wichtig, dass ich mich hier auf mich konzentrierte und auf meine Therapie, das sagte sie mir auch deutlich, denn nach meinen Erzählungen hatte sie das Gefühl dass ich dazu neigen könnte 20 andere Mitpatienten mittherapieren zu wollen.

Ich versicherte ihr aber dass ich vorhatte mich hier nur auf mich zu konzentrieren und dass war zuerst auch mal mein Plan. So hatte ich das wirklich vor, dass mir das oftmals, gerade in den ersten Wochen wenig gelingen würde, dass wird später noch deutlich werden, aber in diesem Moment wollte ich mich wirklich auf mich konzentrieren. Das sagte ich ihr auch so.

Irgendwie hatte ich nach dem Gespräch dann allerdings Angst, dass sie jetzt glaubte ich hätte das nur gesagt, weil sie das bestimmt hören wollte. Aber ich versuchte mich nicht weiter damit zu beschäftigen. Nachdem ich die Bezugspflege hinter mich gebracht hatte ging ich erst in aller Ruhe eine rauchen, dann war auch schon fast Zeit fürs Mittagessen.

19.11.12 19:05

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dine (19.11.12 22:06)


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